Haydamaky – Kobzar

(VÖ 01.02.2008, Eastblok Music)


Ein junger Mann steht auf einem Feldweg. Er hat sein Musikinstrument neben sich abgstellt. Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass man den Kopf des jungen Mannes nicht sieht, dafür spiegelt sich seine Gestalt in einer Pfütze wider. Das Musikinstrument, die Bandura, kennzeichnet ihn als ukrainischen Kobzaren, jene Männer, die als Sänger durchs Land zogen und von der Geschichte des Landes und den Taten der Kosaken sangen. Turnschuhe, Schlabberhose und buntes Hemd zeigen uns aber einen richtig hippen Kobzaren.
Seit Februar 2008 gibt es das neue Album „Kobzar“ der ukrainischen Band Haydamaky. Nicht nur das Cover, auch das Album selbst macht seinem Titel alle Ehre: die Lieder entsprechen einem modernen Kobzarenrepertoire, denn es gibt sowohl ukrainische Volkslieder oder an Volkslieder angelehnte Weisen, als auch Lieder über die zeitgenössischen ukrainischen Gesellschaftsthemen: Vereinsamung und Entfremdung im Großstadtleben oder infolge von Arbeitsmigration. Das thematische und musikalische Anknüpfen an die ukrainische Tradition ist übrigens bei Haydamaky Programm. Sie sind Teil der dynamischen ukrainischen Kulturszene, der es um ein Suchen und Wiederfinden der eigenen Kultur und Sprache geht, die in der Zeit der Sowjetherrschaft negiert und unterdrückt wurde. Im Gegensaz zu seinen Vorgängern ist „Kobzar“ ruhiger und epischer angelegt, was aber nicht heißt, dass so manche Lieder nicht auch richtig laut werden können. Gleichzeitig ist „Kobzar“ aber auch ein typisches Haydamaky-Album: die unterschiedlichsten Musikrichtungen - Folk, Rock, Polka, Punk, Ska, Reggae, Dub – prallen hart aufeinander und schmelzen ineinander, wobei alle Stimmungsregister gezogen werden. Oleksandr Yarmolas tiefe Stimme, der sexy Klang der ukrainischen Sprache, die doch ein wenig exotisch klingende Folklore-Instrumentierung (Akkordeon, Bandura, Sopilka, Trompete) treffen mitten ins Herz. Gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Momente, wo ein wenig zu sehr in die old-school-Trickkiste gegriffen wird und wo so manches Lied für einen Augenblick ins Kitschige abzudriften droht. Wie oft in Osteuropa liegen Kracher und Kitsch manchmal eng beieinander, sorgen aber stets dafür, dass sich keine Gleichgültigkeit breit macht!
Wie viele andere osteuropäische Bands sind Haydamaky wahre Meister ihrer Instrumente, die auf extrem vielfältige Weise eingesetzt werden. Je genauer und länger man hinhört, desto mehr gibt es zu entdecken: so wird beispielsweise Ivan Lenos Akkordeon mal zur Balkan-Sound-Orgel mal zur Rhythmus-Maschine oder wimmert nur leise vor sich hin. Die Trompete von Eugeniu Didyc wird mal als Ska-Trompete eingesetzt, verliert sich dann wieder in funkigen Soli oder mutiert zum „Karpatenhorn“. Ivan Tkalenko erzeugt mit seiner Bandura gerade bei den Balladen zerbrechliche, sphärische Klänge. Über alles ist die Stimme von Oleksandr Yarmola gelegt, die rappt, jammert, brüllt, rezitiert.
Das Album wird eingeläutet mit „Efir“ („Äther“), einem echten Knaller, der sich musikalisch irgendwo zwischen Balkan, Klezmer und Samba bewegt, vor allem aber durch das wie eine Balkan-Sound-Orgel klingende Akkordeon überzeugt. Die groovige Musik steht allerdings ein wenig im Gegensatz zum traurigen Text, in dem es um die Sehnsucht nach der Liebsten geht, die im fernen England arbeitet und mit der keine Kommunikation zustande kommt. „Yidu tramvaem“ („Ich fahre mit der Straßenbahn“) ist ein witziges Lied, weil man so richtig hören kann, wie sich die Musik ähnlich einer rumpeligen Straßenbahn langsam in Bewegung setzt, Fahrt aufnimmt, vor sich hinhopst und wohl wegen der maroden Weichen ständig zwischen Humpa, 70er Schlager- und Disco-Rhythmen hin- und herspringt. „Message“ ist dagegen ein total zweischneidiges Stück: die Kooperation von Haydamaky mit der polnischen Underground-Größe Krzysztof „Grabaz“ Grabowsky ist wunderbar. Polnischer und ukrainischer politischer Sprechgesang treffen aufeinander, allerdings ist der Refrain zu heftig: der sprengt dank der Wummergitarren den groovigen Rahmen. „Meni zdayetsa“ („Es scheint mir“) macht dagegen alles wieder gut und ist eine ans Herz gehende Ballade über die Verzweiflung an der Gesellschaft und die schwarze Seele, die man davonträgt. Auch wenn man kein Wort Ukrainisch versteht, die Botschaft ist klar: die Musik malt den Verzweiflungsausbruch genau nach. „Malanka“ klingt wie ein alter Haydamaky-Karpaten-Kracher. Tatsächlich ist er auch einer, anzutreffen auf dem Album „Bohuslav“ aus dem Jahr 2004. Neu ist dagegen der Kindergesang! Wie in der alten Version treiben Marschschlagzeug und Hirtenflöte das Lied voran, werden aber nun stark im Dub gebrochen. „Spokusa“ ist guter alter Karpaten-Humpa-Rock mit jubelierender Heldentrompete und verzerrter Spooky-Gitarre, „Rosa“ dagegen ist wieder schwer, traurig und deprimierend. Ein schleppendes Schlagzeug, die sphärische Bandura, ein weinendes Akkordeon, eine dubbige Gitarre und der verhaltene Gesang treiben einem die Tränen in die Augen, die mit dem versoffenen Karpatenblues von „Leleki“ erst heruntergespült und dann getrocknet werden können. „Marusya“ ist ein klassisches ukrainisches Volkslied, das hier in einer astreinen Speed-Knüppel-Humpa-Version präsentiert wird. Unsere Freunde vom AJO haben der Musikart das Etikett „Wodka Musik“ verpasst. Wer damals vor unzähligen Jahren mit der ukrainischen John Peel-Session der britischen Schrammel-Gitarren-Band „Wedding Present“ seine musikalische osteuropäische Früherziehung genossen hat, wird „Yikhav Kozak“ (Es ging ein Kosacke) noch in der Rock-Version im Ohr haben. In dem Lied geht es um einen Kosacken, der in den Krieg zieht und sich von seinem weinenden Mädchen verabschieden muss. Haydamaky verpassen dem Volkslied ein Intro mit Flöte wie in einem tschechischen Märchenfilm, eine kräftige Portion Dramatik durch den rezitativen Gesang, ein gewisses soldatisches Pathos durch die jubilierende Heldentrompete, aber auch viel Coolness durch den leichten Dub-Rhythmus. In dem Maße wie sich das Lied steigert, hört man den Kosacken förmlich auf seinem schwarzen Pferd davongaloppieren. Das Kosackentum ist auch gleich die Brücke zum nächsten Lied „Viter Viye“ (Der Wind weht). Da liegt der Kosacke nämlich sterbend im Gras und schickt sein schwarzes Pferd nach Hause zur Mutter. „Viter Viye“ist eines der stärksten Lieder von Haydamaky. Es fängt als dramatische Ballade an, steigert sich aber dann ganz langsam in einen groovigen Rhythmus, ohne die „traditionelle“ Grundstimmung einzubüßen. Die Übergänge und Wechsel zwischen den Stilen, die häufig bei Haydamaky sehr abrupt sind, sind hier absolut fließend. Wenn von modernem Kobzarentum die Rede ist, dann sei „Viter Viye“ als bestes Beispiel dafür angeführt. Eine perfekte musikalische Dramaturgie und dezente Effekte holen den traditionellen Stoff in die Moderne. Als Nachschlag gibt es noch einen ausgezeichneten Ragga-Remix von „Viter Viye“ von Zion Train.
Mehr als bei den Vorgängeralben werden bei „Kobzar“ musikalische Bilder und Stimmungen kreiert, die mal jubelierend laut oder traurig, leidend und leise sind. Gerade diese Spannung macht die Größe des Albums aus!

Skala (8,5 von 10 Punkten)

Infos:
www.haydamaky.com
www.eastblokmusic.com

„Kobzar“ gibt es für nur 14 € (inklusive Versandkosten!) direkt bei Eastblok Music zu bestellen! Ein echtes Schnäppchen!

(kl, 01/2009)
Quelle: http://klub40grad.de/

haydamaky_kobzar.txt · Zuletzt geändert: 2009/01/06 22:07 von dugbadmin
-->
-->
© 2008 DUGB